
Als Canon sein erstes Makroobjektiv der RF-Serie ankündigte, waren die Erwartungen so hoch wie der Ruf der L-Serie. Das Canon RF 100mm f/2.8L Macro IS USM, das 2021 als spiritueller Nachfolger des hochgeschätzten EF 100mm f/2.8L auf den Markt kam, versprach nicht nur, den Standard zu halten, sondern ihn sogar zu übertreffen.
Mit einer festen Brennweite von 100 mm, einer maximalen Blendenöffnung von f/2.8, einer optischen Stabilisierung von bis zu 5 Blendenstufen (8 in Kombination mit IBIS) und einem wetterfesten Design richtet sich das Objektiv direkt an Profifotografen und anspruchsvolle Amateure. Es wiegt etwa 730 g – ein wichtiger Aspekt, wenn man es mitnehmen und aus der Hand fotografieren möchte – und der Preis von rund 1.450 € spricht dieselbe Zielgruppe an: Profis, aber auch ambitionierte Hobbyfotografen.
Aber ist es nur für die Makrofotografie gedacht? Nicht ganz. Auch wenn es dafür konzipiert wurde, eignet sich dieses Objektiv ebenso gut für Porträts, Produkt- oder Naturfotografie.

Canon RF 100mm f/2.8L Macro IS USM
Spezifikationen
- Brennweite: 100 mm (Vollformat)
- Bildwinkel: 24°
- Blende: f/2.8 bis f/32
- Mindestfokussierabstand: 26 cm
- Maximale Vergrößerung: 1:1 (mit Spezialmodus bis zu 1,4:1)
- Gewicht und Abmessungen: 730 g, 117 x 75 mm
- Kompatibilität: Canon RF (Vollformat)
Makro 1:1. Lebensgröße und darüber hinaus
Eine der Hauptattraktionen dieses Objektivs ist seine Vergrößerungsfähigkeit: Es bietet nicht nur das 1:1-Abbildungsverhältnis, das man von jedem Objektiv erwartet, das sich „Makro“ nennt, sondern übertrifft es sogar mit bis zu 1,4:1 – ganz ohne Zwischenringe oder Nahlinsen. Möglich wird das durch den eingebauten Ring zur Steuerung der sphärischen Aberration. Dreht man ihn in den negativen Extrembereich, verändert sich nicht nur das Bokeh, sondern auch die maximale Vergrößerung steigt auf 1,4x.

▌Der Ring zur Steuerung der sphärischen Aberration ermöglicht die Anpassung von Unschärfe und Schärfe, verändert so den Charakter des Bokehs und erhöht die maximale Vergrößerung.
Falls Sie sich das fragen: Diese zusätzliche Vergrößerung ist kein „elektronischer Makromodus“ und auch kein digitaler Trick, sondern eine optische Folge der internen Fokusänderung, die durch die Variation der sphärischen Aberration entsteht. In jedem Fall wird diese Vergrößerung auf Kosten eines weicheren Bildes erreicht (da absichtlich optische Unschärfe eingeführt wird), was die Schärfe beeinträchtigt, und man hat das Gefühl, dass man auf der einen Seite verliert, was man auf der anderen gewinnt – daher auch einige Kritik an dieser Funktion. Weiter unten finden Sie einige Beispielbilder.
Bezüglich des Mindestfokussierabstands beträgt dieser nur 26 cm, was in der Praxis bedeutet, dass man Details mit großer Schärfe erfassen kann, ohne sich zu nah heranzubewegen. Allerdings ist bei maximaler Vergrößerung die Tiefenschärfe so gering, dass man mit Stativ oder der Focus-Stacking-Technik arbeiten muss – oder idealerweise mit beidem.
Bildqualität
Was die Bildqualität betrifft, gehört dieses Objektiv zu den besten der RF-Reihe in seinem Brennweitenbereich. Die Tests von LensTip zeigen, dass es schon bei Offenblende eine außergewöhnliche Schärfe im Bildzentrum bietet und seinen Höhepunkt zwischen f/4 und f/5.6 erreicht, wo es auch an den Bildrändern eine sehr hohe Qualität zeigt.
Laut denselben Tests ist die longitudinale chromatische Aberration (ein Schwachpunkt bei einigen Makros) sehr gut korrigiert, und die laterale Aberration praktisch nicht vorhanden. Die Verzerrung ist, wie bei einem Festbrennweiten-Makro zu erwarten, nicht wahrnehmbar. Die Vignettierung, die bei f/2.8 vorhanden ist, wird bei f/4 deutlich reduziert und beeinträchtigt die Gesamtleistung kaum.
Was Geisterbilder und Kontrast angeht, liefert Canons ASC-Beschichtung (Air Sphere Coating) sehr gute Ergebnisse bei Gegenlicht, erhält den Kontrast und reduziert Streulicht auch in schwierigen Szenen.
Einige Beispielbilder




Fokus: schnell, leise und mit Kontrolle der sphärischen Aberration
Das Fokussystem basiert auf zwei Nano-USM-Motoren, eine Lösung, die präzise und geräuscharme Bewegungen ermöglicht und es sowohl für Fotografie als auch Video geeignet macht. In der Praxis ist der Fokus schnell und zuverlässig, kann jedoch auf sehr kurzen Distanzen — insbesondere nahe 1,4x — etwas unregelmäßig werden, vor allem wenn der Fokusbegrenzer nicht verwendet wird, der drei Positionen hat: komplett, von 0,26 m bis 0,5 m (Makro) und von 0,5 m bis unendlich.
Ein markantes Merkmal ist die Kontrolle der sphärischen Aberration, die wir weiter oben beim Thema maximale Vergrößerung erwähnt haben. Dieser Ring verändert bewusst die Form des Bokehs und die wahrgenommene Schärfe. Das Ergebnis ist ein „Weichzeichnungseffekt“, der bei kreativen Porträts nützlich sein kann, aber nicht jedermanns Geschmack trifft, da er den Autofokus beeinträchtigt und zu einem unnatürlichen Aussehen führt.
Das Objektiv ist kompatibel mit Fokus-Bracketing– und Fokus-Stacking-Funktionen bei Kameras wie der EOS R5 oder R6.

▌Bild aufgenommen mit dem Ring zur Kontrolle der sphärischen Aberration in Position -4

▌Bild aufgenommen mit dem Ring zur Kontrolle der sphärischen Aberration in Position 0

▌Bild aufgenommen mit dem Ring zur Kontrolle der sphärischen Aberration in Position +4
Verarbeitung und Handhabung: ein echtes Profi-Objektiv
Das RF 100mm f/2.8L ist nach dem professionellen Standard der L-Serie gebaut: hochbelastbare Kunststoffe, Metallanschluss, Staub- und Feuchtigkeitsabdichtung und ein robustes Design, das allerdings etwas klobig ist, besonders im Vergleich zu früheren EF-Modellen. Obwohl es sich in der Hand gut ausbalanciert anfühlt und dank des optischen Stabilisators freihändig genutzt werden kann, macht das Gewicht nach vorne die Handhabung komfortabler mit großen RF-Gehäusen (wie der EOS R3, R5 oder R6) oder mit zusätzlichem Griff. Für lange Arbeitssessions wird diese Ergonomie sehr geschätzt.
Der Fokusring ist breit, weich und präzise, nutzt jedoch ein elektronisches Fokussystem (focus-by-wire), was bedeutet, dass keine direkte mechanische Verbindung besteht und das Verhalten je nach Kameraeinstellung variieren kann, was das Kontrollgefühl beeinflusst.

▌Die Verwendung des RF 100mm f/2.8L ist komfortabler, wenn es an einem Gehäuse mit Griff montiert ist, besonders in Situationen, in denen Stabilität entscheidend ist.
Stabilisierung: Verbesserung von 5 bis 8 Blendenstufen
Die optische Stabilisierung von 5 Blendenstufen wird durch das IBIS in Kameras wie der EOS R3, R5 usw. ergänzt, sodass bis zu 8 Blendenstufen Kompensation möglich sind. Das bedeutet, dass man tatsächlich freihändig auch mit Belichtungszeiten von 1/15 s oder weniger fotografieren kann, was mit früheren Makroobjektiven ohne Stativ undenkbar war.
Bei maximaler Vergrößerung (1,4x) ist jedoch schon das kleinste Zittern spürbar, und die Stabilisierung kann das Fehlen einer physischen Unterstützung nicht immer ausgleichen. Trotzdem erlaubt sie ein viel freieres Arbeiten im Feld als frühere Generationen.
Vielseitigkeit über das Makro hinaus
Obwohl er für reine Makrofotografie optimiert ist, ermöglichen die optischen und mechanischen Qualitäten des Canon RF 100mm f/2.8L IS USM herausragende Leistungen in anderen Bereichen:
- Porträt: Seine kurze Telebrennweite zusammen mit einer f/2.8-Blende und einem weichen Bokeh bietet eine ausgezeichnete Trennung des Motivs. Der Ring zur Steuerung der sphärischen Aberration ermöglicht zudem die Anpassung des Bokehs für Porträts mit einem ätherischeren Look.
- Produkt- und Food-Fotografie: Seine Schärfe und minimale Verzerrung machen ihn ideal, um winzige Details, Texturen und Oberflächen originalgetreu einzufangen.
- Natur und kleine Details: Perfekt für Blumen, Insekten, Texturen oder kleine Tiere. In Kombination mit Techniken wie Focus Stacking sind spektakuläre Ergebnisse selbst bei geschlossenen Blenden möglich.
- Video: Sein leiser Fokusmotor Nano USM zusammen mit der optischen Stabilisierung und einem sanften, natürlichen Hintergrundunschärfe machen ihn nützlich für Nahaufnahmen, Detailaufnahmen oder Interviews, bei denen der Hintergrund nicht ablenken soll.
Alternativen
Canon
- RF 85mm f/2 Macro IS STM: leichter und günstiger (~600 €), mit 1:2 Makro, Stabilisierung und guter optischer Qualität, aber ohne Abdichtung und vergleichbare Schärfe.
- EF 100mm f/2.8L IS USM (EF-Anschluss, über EF-RF Adapter): ähnlich in den Grundfunktionen, aber ohne sphärische Aberrationskontrolle oder 1,4-fache Vergrößerung.
Drittanbieter
- Laowa 100mm f/2.8 2x Ultra Macro (RF): komplett manuell (ohne AF und Stabilisierung), aber mit 2:1 Vergrößerung. Optisch sehr solide; ideal für extremes Makro mit Stativ, weniger geeignet für den allgemeinen Gebrauch.
- Tamron SP 90mm f/2.8 Di VC USD Macro (EF-Mount, über EF-RF Adapter): eine der klassischen Referenzen für Canon-Makro, mit Stabilisierung (VC), 1:1 Vergrößerung und guter Gesamtleistung.
- Sigma 105mm f/2.8 EX DG OS HSM Macro (EF-Mount, über EF-RF Adapter): ein weiterer Makro-Klassiker, stabilisiert, mit HSM-AF, gutem Bokeh und guter Schärfe. Etwas veraltet gegenüber neueren Modellen (neuere Versionen gibt es für Sony und L-Mount, aber nicht für Canon).
- Samyang 100mm f/2.8 ED UMC Macro (EF-Mount, über EF-RF Adapter): manuell, günstig und optisch sehr kompetent. Bietet 1:1, guten Kontrast und flüssiges Fokussieren, aber ohne Stabilisierung oder Automatik.
Vergleichstabelle alternativer Makro-Objektive
Verschiebe die Tabelle nach links
| Objektiv | Bajonett | Vergrößerung | AF | Stabilisierung | Gewicht | Notizen |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Canon RF 100mm f/2.8L Macro IS USM | RF | 1,4x | Ja (Nano USM) | Ja (Hybrid-IS) | 730 g | SA-Kontrolle, Abdichtung, hohe Schärfe |
| Canon RF 85mm f/2 Macro IS STM | RF | 0,5x | Ja (STM) | Ja | 500 g | Preiswert, keine Abdichtung oder 1:1 |
| Canon EF 100mm f/2.8L IS USM (adapt.) | EF | 1,0x | Ja (USM) | Ja (Hybrid-IS) | 625 g | Klassisch, kein SA oder 1,4x |
| Laowa 100mm f/2.8 2x Ultra Macro | RF | 2,0x | Nein | Nein | 650 g | Extremes Makro, 100% manuell |
| Tamron SP 90mm f/2.8 Di VC USD | EF (adapt.) | 1,0x | Ja (USD) | Ja (VC) | 610 g | Gute IS und Schärfe, klassisch |
| Sigma 105mm f/2.8 EX DG OS HSM | EF (adapt.) | 1,0x | Ja (HSM) | Ja | 725 g | Vielseitig, aber etwas veraltet |
| Samyang 100mm f/2.8 ED UMC Macro | EF (adapt.) | 1,0x | Nein | Nein | 705 g | Gute Optik, 100% manuell |
► Für weitere Informationen zu diesen und anderen Objektiven, siehe Vollständige Auswahl an Makroobjektiven für Canon EOS (Vollformat und APS-C)
Fazit
Das Canon RF 100mm f/2.8L Macro IS USM ist ein technisch herausragendes Objektiv, das die Erwartungen an ein professionelles Makroobjektiv mehr als erfüllt: hervorragende Schärfe, echte 1:1-Vergrößerung (und darüber hinaus), minimale Verzerrung, gute optische Leistung auch unter anspruchsvollen Bedingungen und eine robuste Verarbeitung der L-Serie.
Sein markantestes Merkmal — der Kontrollring für sphärische Aberration — ist ein interessantes kreatives Werkzeug, das jedoch wegen seines Einflusses auf Schärfe und Autofokus für geteilte Meinungen sorgt. Es ist kein bloßes Zubehör, erfordert aber ein gutes Verständnis darüber, wie und wann man es verwendet, und schwerlich lässt es sich als starkes Kaufargument sehen.
Trotz seines Makro-Fokus ist das Objektiv vielseitig einsetzbar. Es liefert auch bei Porträts, Produkt- und Naturfotografie gute Ergebnisse, solange man Größe, Gewicht und Preis berücksichtigt. Die elektronische Fokussierung (focus-by-wire) und das weniger vorhersehbare Verhalten bei maximaler Vergrößerung können je nach Nutzung Einschränkungen darstellen.
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Canon RF 100mm f/2.8L Macro IS USM
Vollständiges Datenblatt
- Bajonett: Canon RF
- Brennweite: 100 mm
- Maximale Blende: f/2.8
- Minimale Blende: f/32
- Optischer Aufbau: 15 Elemente in 12 Gruppen, darunter 1 UD-Linse (Ultra Low Dispersion) und 2 asphärische Linsen
- Anzahl der Blendenlamellen: 9 (kreisförmige Blende)
- Minimale Fokussierentfernung: 0,26 m
- Maximale Vergrößerung: 1,0x (lebensgroße Abbildung)
- Bildstabilisierung: Ja; bis zu 5 Blendenstufen Kompensation mit optischem Stabilisator im Objektiv, und kombinierte Stabilisierung mit Gehäuse (Dual Sensing IS)
- Fokussiermotor: Nano USM Motor (Ultraschallmotor)
- Interner Fokus: Ja
- Fokusbegrenzer: Kein physischer Fokusbegrenzer
- Stabilisatorschalter: Ja
- Anpassbarer L-Fn Knopf: Ja, inklusive anpassbarem Knopf und Einstellring
- Filtergewinde: 67 mm
- Abmessungen: 75 mm Durchmesser x 117 mm Länge
- Gewicht: 730 g (ohne Kappen und Gegenlichtblende)
- Wetterbeständigkeit: Ja; abgedichtet gegen Staub und Feuchtigkeit
- Frontlinsenbeschichtung: Fluorbeschichtung zum Abweisen von Wasser, Öl und Staub
- Mitgeliefertes Zubehör: Vorder- und Rückdeckel, Gegenlichtblende ET-73B, Schutzetui
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